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On Air

1.4.2013: Morgens um Fünf landet ein Vogel in meinem Garten, der aus dem Stegreif wunderschöne Geschichten erzählt. Aus irgendeinem Grund liege ich immer um die gleiche Zeit wach und höre mir die Botschaften an. Der kleine Gartenreisende erzählt munter drauflos, ohne Punkt und Komma. Kein Satz ist wie der andere, woraus ich mir die Frage ableite: erlebt der Vogel immer neue Dinge? Oder besitzt er die außergewöhnliche Fähigkeit, besonders einfallsreich um Aufmerksamkeit seines Publikums zu werben durch immer variantenreichere Artikulation? Wie redundant ist dagegen die Rede so mancher menschlicher Zeitgenossen. Wahrscheinlicher ist wohl, dass die Erlebniswelt eines Vogels nicht von den Grenzen der räumlich-zeitlichen Dimensionen geprägt ist, die wir Menschen gewohnt sind. Immerhin besteht ein Vorteil des menschlichen Gedächtnisses jedoch darin, dass wir uns nicht Tag für Tag die Welt neu erklären müssen. Nun ja: das Wenige, was der Vogel zu berichten hat, erzählt er jedenfalls auf anmutigste Weise, mit viel Kehlchenakrobatik und Schnabelspitzengefühl für Modulation und Syntax. Das Geschehen gegen Fünf gestaltet sich wie die Uraufführung eines buchstäblich pfiffigen Stückes durch einen Boten, der gleichzeitig Urheber und Interpret der Sendung ist. Da keine Antwort auf den einsamen, aber heiteren Gesang folgt, ist auch davon auszugehen, dass mein Vogel gleichzeitig sein eigenes Publikum ist, mit Ausnahme des Herrn im Dachgeschoss, Hofreuther Straße 15, Zimmer zum Garten hinaus. Und genauso wie jener Herr, der sein Frühstück um Sieben mit an die Schreibmaschine nimmt, um sich seinen Gesängen und Reden zu widmen, erwartet der Vogel keinen unmittelbaren Applaus, sondern richtet seinen geduldigen Optimismus an einen vielleicht gar nicht so fernen Adressaten, der sich nichtsahnend in schattigen Winkeln versteckt, die langsam aber sicher von der aufgehenden Sonne bestrahlt werden.