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Miszellen

4-2013: High Definiton

In einer online Rezension fragt eine gewisse Alice Veeser, warum der Protagonist ›Fini‹ in der Story »Proxima Virginis« denn vor einem »High Definition Plasmabildschirm« sitze, und nicht einfach vor einem »Fernseher«? Sie setzt ihrer Kritik noch die Krone auf, indem sie pikiert mäkelt: »Das finde ich unglaubwürdig«. Nun, lesen will gelernt sein (schreiben natürlich erst recht), das heißt, die Dame hätte unbedingt mitbekommen müssen, dass es in der betreffenden Szene – die Story spielt in der Gegenwart der Niederschrift, also 2011 – um die freudige Erwartung Finis geht, sich nach Feierabend einen Pornofilm auf dem heimischen Sofa anzuschauen. Fini kommt von der Arbeit, besorgt sich unterwegs noch einen Döner (»Mit allem!«), und wird dann in einen Autounfall verwickelt, der ihn kurzzeitig aus der Realität reißt; eben diese kurze Traumsequenz ist das genaue Gegenstück zum billigen HDTV Surrogat, schon deshalb, weil sich die Sequenz im eigenen Kopf des Protagonisten abspielt, somit also zu seiner ureigenen Realität gehört. 

Warum »High Definition Plasmabildschirm?« Erstens, weil es sich genau um einen solchen handelt … Was gewisse Gegenstände und ihren Bezug zur jeweiligen Epoche betrifft, wird Frau Alice Veeser andererseits in einem historischen Roman, der um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert spielt, kaum erwarten, dass von elektrischer Straßenbeleuchtung statt von Gaslaternen die Rede ist. James Bond fährt ja auch nicht einfach in einem »Auto«; und zweitens weil sich Fini von diesem speziellen Bildschirm (die Begründung der Begriffswahl steckt also eigentlich schon im Namen! Einfacher kann man nun wirklich nicht argumentieren) eben das vollendete Surrogat erwartet. Man könnte statt »Fernseher« noch weiter simplifizieren, indem man »Glotze« schreibt, was aus Sicht des Autors die beste Beschreibung des betreffenden Gegenstands ist, nur in einem anderen Zusammenhang! 

Heißt es in der Werbung zu HDTV nicht inzwischen »Schärfer als die Realität«? Insofern sollte klar geworden sein, dass der Begriff »High Definition Plasmabildschirm« aus mehreren Gründen die bessere Wahl darstellt, unter anderem schon deshalb, weil sich die Wortschöpfung eigentlich selbst persifliert, während die sachlich-traurige, ödgraue Bezeichnung »Fernseher« kaum in der Lage wäre, das beabsichtigte Assoziationspotential ähnlich wirkungsvoll auszulösen. Der Casus hat sogar eine medienphilosophische Dimension: Dem weiterdenkenden Leser dürfte vielleicht auffallen, dass sich am eigentlichen Surrogat nichts ändert, obwohl sich die Auflösung (also die sogenannte »Schärfe«) eines HDTV im Vergleich zum Mauerblümchen »Fernseher« gewaltig erhöht hat. Die sinnliche Dimension des »Sehens« mag »bereichert« worden sein, die gesendeten und empfangenen Programme führen jedoch ihr Eigenleben, und am Vorgang der Masturbation ändert sich vor dem HDTV Pornofilm im Wesentlichen auch nichts. Nur die Illusionsbereitschaft des Glotzers dürfte sich erweitert haben … und genau das ist die Absicht der Hersteller (solcher Geräte), im Zusammenspiel mit der begleitenden Dauerpropaganda (»Schärfer als die Realität«). Das 3-D Kinoerlebnis ist die weiterführende Stufe dieser technologischen Spirale, kombiniert mit der entsprechenden Ideologie (»we love to entertain you«).

Die »Rezension« scheint mir also aus einer recht oberflächlichen Ecke zu kommen, die ihre eigene Trägheit gerne verallgemeinern würde. Nicht nur als Autor, sondern durchaus als einfacher Zeitgenosse, beobachte ich seit Jahrzehnten die krakeelende Unart der aggressiven Terrorfrage: »Kann man das denn nicht auch einfacher ausdrücken?«, und zwar immer dann, wenn dem Gegenüber auch nur ein winziges Maß an Mühe abverlangt wird, Sätzen oder Begrifflichkeiten zu folgen, die sich außerhalb seines Wortschatzes und Denkradius bewegen. Schauen sie sich ganz nebenbei, tatsächlich nur zur Unterhaltung, einmal folgende berühmte lyrische Passage Goethes aus »Wandrers Nachtlied« an:

»Über allen Gipfeln ist Ruh’, 
in allen Wipfeln spürest du
kaum einen Hauch.«

Alice Veeser würde wahrscheinlich sagen: Warum hat er denn nicht einfach geschrieben »Es war windstill!« Leute diesen Schlages setzen sich auch gerne auf ihren breiten Hintern (Vorurteilen begegne ich gerne mit Vorurteilen!) und beginnen eine politische Diskussion mit der (schein)gewichtigen Frage: »Warum gibt es Kriege?« Frau Veeser, wollen sie die denkbar einfachste Antwort? DARUM!

Also, auf die pauschalisierende und polarisierende Frage »Kann man das denn nicht auch einfacher ausdrücken«, antworte ich global folgendes:
a) Nein, wir wollen uns nicht an ihrer Trägheit orientieren.
b) Die Abstraktion (z.B. durch den Einsatz von Fremdworten, die komplizierte Gedankengänge hervorragend verkürzen können) ist schon die Vereinfachung! Wir wären gezwungen, für träge Menschen, die nicht denken wollen, aus drei Absätzen mit anspruchsvoller Syntax (die berüchtigten Schachtelsätze plus Fremdworte minus Redundanz) zehn DIN-A4 Seiten »einfacher« Umschreibung zu zaubern, aus dreihundert Zeichen etwa zwölftausend zu generieren. 
c) Wir können die Sprache auch gleich zu Grabe tragen, wenn wir den geringsten, und nicht den größtmöglichen Wortschatz zum Maßstab nehmen. Eine ökonomische Analogie sehen wir allerdings in dem Bestreben Gerhard Schröders und seiner Agenda 2010, die Löhne in den Mitgliedsstaaten der EU am ärmsten Land auszurichten, und nicht am reichsten! Wes’ Kind diese Logik ist, dürfte klar sein (wenn nicht: einfach wegschalten!). Der dümmste Leser ist dem Herrscher auch hier viel lieber als der kritischste.
d) Selbst Kinder, denen man nachsagt, dass sie schnell lernen, brauchen einige Zeit für die Aneignung des ABC und des Einmaleins. Wenn ihnen jemand Trigonometrie beibringen will, könnten sie beispielsweise sagen: kann man Brücken nicht auch aus Papier bauen? Die Lehranstalten setzen einfach darauf, dass sich der Schüler die Mühe macht … nicht immer mit Erfolg. Aber das ändert nichts am Sinn von Bildung.

P.S.: Gegenfrage an Frau Veeser: Was ist an Fiktion NICHT unwahrscheinlich? – Die Frage ist im Allgemeinen relativ leicht zu beantworten; im Speziellen benötigt man je nach Aufklärungsbedarf unter Umständen aber auch mehr als drei Sätze dafür.