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Unscheinbare Nachricht in »ver.di Publik 02/2013«: Schweden schafft Bargeld ab.
An den mehr oder weniger vollständig praktizierten bargeldlosen Zahlungsverkehr haben wir uns in den letzten Jahren (man kann auch sagen: besonders in der letzten Dekade) gewöhnt; jedoch ohne die Annehmlichkeiten aus dem Auge zu verlieren, die mit den individuellen Gestaltungsmöglichkeiten echten Geldes zusammenhängen. Die Abschaffung des Bargelds wurde von langer Hand geplant und vorbereitet, begleitet von allerlei administrativen Maßnahmen, im Zusammenspiel staatlicher und privatwirtschaftlicher Organisationen. Die quantitative und rasante Zunahme von online-Geschäften scheint die Entwicklung zu bestätigen – und dennoch ist es kaum zu übersehen, dass ein Bürger sein eigenes Geld gerne in adäquater Form in den eigenen Händen hält; dass seine Käufe von Emotionen und Erfahrungen begleitet werden, dass jeder Mensch seine ureigene Lerngeschichte des Geldes reflektieren kann. Die allgemeine Geschichte des Geldes und seine Bedeutung im ökonomischen Weltgeschehen ist ein anderes Thema, und kann aus Platzgründen selbstverständlich an dieser Stelle nicht referiert werden.

Als ›Marginalie‹ möchten wir nur festhalten, dass man lernen muss, große Schweinereien immer an der extremen Unlogik der Argumentationen erkennen zu können: »Die Swedbank stellt ihren Bargelddienst komplett ein. Kreditkarten sollen das Zahlen sicherer machen. ›Die Einzigen, die dein Geld brauchen, sind Verbrecher und deine Oma‹, unterstützt Leif Karlsson von der schwedischen Bankengewerkschaft den Schritt. Schützenhilfe brächten auch die Angestellten der Finanzinstitute, denn wo kein Bargeld, da keine Raubüberfälle.« Die zitierte Nachrichtensequenz inspiriert folgende Überlegungen – erstens: Wen meint der Bankengewerkschafter (an sich schon ein irgendwie paradoxer Beruf) Karlsson mit ›Verbrecher?‹ Die ›Oma‹ lassen wir ’mal aus dem Spiel, obwohl das Geld aus heutiger Sicht unter der Matratze wohl am sichersten aufgehoben ist, berücksichtigt man den aktuellen Zugriff Zyperns auf die Sparguthaben seiner Bürger bei den Banken. Zweitens: Wir finden, dass Politiker, die den Staat zu ihrem Selbstbedienungsladen umfunktioniert haben, und Banker, die in direkter, unverhohlener Komplizenschaft mit den Finanzämtern das Privatvermögen ihrer Anleger in gläsernen Konten für den Zugriff von Raubrittern und sonstigen Schmarotzern präparieren, den ordinären Kleinkriminellen weit in den Schatten stellen. Das schwedische Autorenduo Sjöwall/Wahlöo hat in ihrer 10-bändigen Krimireihe um Kommissar Beck eine Art beiläufiger sozialpolitischer Chronologie Schwedens der 70er Jahre hinterlassen; ein Titel der Reihe lautet: »Und die Großen lässt man laufen«; verkehrte Welt also, business as usual. Wie sehr man die Zukunft des bargeldlosen Zahlungsverkehrs jedoch meiden sollte, geht aus dem dümmlichen Eigentor der Angestellten hervor, von denen man unbedingt den Eindruck haben muss, dass sie als Vorwand dienen … Bargeldloser Zahlungsverkehr als Schutz gegen Raubüberfälle? Aber das Gegenteil ist doch der Fall ;-) So dumm kann man eigentlich gar nicht sein: Schonmal ’was von Kreditkartenbetrug gehört? Von der Zinsversteuerung des Anlagevermögens und der automatischen Abführung der Beträge durch das Finanzamt? Vom Missbrauch online kursierender Daten durch Hacker? In einer Nachricht vom 10. Mai 2013 wird beispielsweise von einem »Cyber-Bankraub« in Millionenhöhe berichtet; in 27 Ländern der Erde wurden Konten in großem Stil geplündert … von einer international operierenden Hackerbande. 

Aber das ist noch nicht alles: Dr. Peter Forster beschreibt in seinem Buch »Aber wahr muss es sein – Information als Waffe« (Verlag Huber Frauenfeld/Stuttgart/Wien 1998) die sieben Elemente des ›Information Warfare‹ der Amerikaner: den Command-and-Control War, den Intelligence-Based War, den Electronic War, die Psychological Operations, den Hacker War, den Economic Information War und den Cyber oder Net War. »Nach Möller-Gulland umfasst der C2W, so die offizielle amerikanische Abkürzung, ›alle Massnahmen gegen gegnerische Kommandozentralen und Führungseinrichtungen auf allen Ebenen, inklusive der physischen Zerstörung‹. Ziel sei es, einen Gegner führungslos zu machen, das heisst: ›einen Zustand zu erwirken, in dem die militärische Führung eines Gegners keine oder nur unvollkommene Informationen über die eigene Lage hat und die Truppe nicht weiss, was die eigene Führung will.‹ (Seite 113) – Spannend wird es für den Apologeten des bargeldlosen Zahlungsverkehrs unserer Tage, wenn alle Register des »Economic Information War« gezogen werden: »Der Economic Information War umfasst – so Niels Möller-Gulland ›alle Massnahmen der wirtschaftlichen Einflussnahme. Beispielsweise könnte die Manipulation von Börsen- oder Wechselkursen den Zusammenbruch eines nationalen Bankensystems zur Folge haben. Börsentransaktionen per Computer könnten den monetären Abfluss derart schnell veranlassen, ohne dass den Banken oder den Aufsichtsbehörden rechtzeitig schützende Massnahmen möglich wären‹ (Seite 117).«

Etcetera pp. – Bargeldloser Zahlungsverkehr bedeutet also (mit ein wenig Phantasie) genau das Gegenteil von dem, was dem Bürger untergejubelt wird: nicht den individuellen Schutz, sondern den optimalen Zugriff des Staates auf meinen persönlichen Besitz (und damit auch auf meinen Alltag und meine Biografie); die totale Kontrolle der sog. Finanzmärkte. Aktueller Nachtrag: Unter der Schlagzeile »Der beste Bankraub aller Zeiten« veröffentlichte ›Spiegel online‹ am 15.11.2013 um 19.26 Uhr folgende Nachricht: »39 Millionen Dollar erbeutete eine Bande von Gangstern im Februar mit einer manipulierten Kreditkarte. Nachdem Hacker Mitte Februar in das Computersystem eines indischen Kreditkartenherstellers eingedrungen waren, hoben wenige Tage später Hunderte Täter mit einer manipulierten Mastercard weltweit insgesamt 39 Millionen US-Dollar ab. Willemina Z. und ihr Sohn Eduard erbeuteten allein in Düsseldorf 168.000 Euro. Dafür hat sie die 4. Große Strafkammer am Freitagnachmittag zu jeweils vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt.«