flaubert

Texte

An dieser Stelle wird es unveröffentlichte Fragmente geben, mehr oder weniger spontane Aufzeichnungen, ohne eindeutige Zielrichtung. Anlass ist meistens etwas beiläufig Aufgeschnapptes, am Rande Wahrgenommenes, das zur Reflektion anregt.

Beispiel 1: coolibri märz 2013
Rubrik Leserbriefe zum Thema Zeitung/Information
Andrea (23)
»Ich kaufe hin und wieder die ZEIT am Kiosk. Wie oft, das richtet sich danach, wie viel in der Welt so los ist. Wenn mehr passiert, muss ich mich ja auch mehr informieren. Insgesamt gebe ich vielleicht so fünf Euro im Monat aus, das reicht dann aber auch. Abends schaue ich gerne mal in den coolibri. Wenn ich mit Freunden spontan weggehen will, ist es super einfach, mal einen Blick in den Kalender zu werfen.«

So viel zum Thema »Wie informiere ich mich und warum überhaupt …« Aus Gründen des Persönlichkeitsrechtes bilden wir Andrea (23) nicht ab, damit sie sich nicht wiedererkennen kann. Eine Ähnlichkeit ihrer Aussage mit purem Blödsinn wäre rein zufällig. Die zugrundeliegende Umfrage im »coolibri« (Programmheft aus dem Ruhrgebiet, Ausgabe März 2013) ist zwar keine Fiktion, das gedruckte Wort schwarz auf weiss für alle Ewigkeiten gespeichert, aber wir können zuversichtlich auf das allgemein schlechte Gedächtnis jedweder (inklusive der fiktiven, die man für solch einen Stuss erst erfinden muss) Leserschaft vertrauen, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Anstoß an Andreas (23) Informationskonsumverhalten nimmt, welches sich selbst wollüstig ad absurdum führt. In Abwandlung der berühmten religiösen Maxime »credo quia absurdum« dürfen wir an Andrea (23) exemplarisch statuieren: »Ich informiere mich, weil ich sonst gar nix zum Wiederkäuen hätte«. Oder: »Ich informiere mich, weil ich sonst gar nicht informiert wäre.« Der unbekannte ZEIT-Soldat denkt so ziemlich dasselbe, nur in wirkungstechnisch entgegengesetzter Kausalfolge: ich leiste meinen Dienst am Hindukusch, weil es sonst keine Informationen darüber in der ZEIT am Kiosk gäbe. Es ist schön und gut, dass man ZEIT am Kiosk kaufen kann.

Folgen wir Andreas (23) Gedankengängen noch ein wenig: »Ich kaufe hin und wieder die ZEIT am Kiosk. Wie oft, das richtet sich danach, wie viel in der Welt so los ist«. Allerliebst, diese Einstellung. So ähnlich könnte Andrea (23) in die Welt posaunen: »Ich esse hin und wieder einen Snack in der Pommesbude. Wie oft, das richtet sich danach, wie viele Schnitzel so in der Welt herumfliegen.« Anders gefragt: Woher weiß Andrea denn, ob viel oder wenig in der Welt los ist? Das weiß sie doch erst, wenn sie sich informiert … äh … bekanntermaßen erscheint die ZEIT aber regelmäßig, und macht sich nicht davon abhängig, wieviel in der Welt so passiert. Wir glauben sogar, dass die ZEIT gar nicht alles mitkriegt, was so in der Welt passiert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die ZEIT nur ein paar wenige Dinge überhaupt verarbeiten kann, und ob die dann der Information dienen, ist noch eine ganz andere Frage!

»Insgesamt gebe ich vielleicht so fünf Euro im Monat aus, das reicht dann aber auch.« Hm, Andrea (23) ist offenbar so schlecht informiert, dass sie noch nicht einmal weiß, was sie will. Sie kauft für 5 Euro im Monat am Kiosk »Informiertheit«, so wie ich früher für 20 Pfennig Klümpchen oder Kaugummi. Damit erwirbt sie gerade mal 1 Exemplar der ZEIT für 4,20 Euro, die aber wöchentlich erscheint. Sie müsste also fast 17 Euro ausgeben, um in ihrer Milchmädchenrechnung umfassend informiert zu sein. Sie kauft sich die ZEIT aber nur, wenn auch wirklich viel los ist in der Welt, also gar nicht, wenn nichts passiert. Sie könnte sich die 5 Euro locker sparen, denn in ihrem Hirn passiert mit Sicherheit NICHTS, ob sie nun informiert ist oder nicht.