Flaubert Briefe 1

Portrait

1.) Flaubert – Briefe

»Die Moral der Kunst besteht in ihrer Schönheit, und ich schätze über allem zunächst den Stil, dann die Wahrheit.« (An Louis Bonenfant, Paris, 12. Dezember 1856)

In Flauberts Briefen lernt man alles über Literatur (vor allem der Franzosen, aber auch Shakespeare und Goethe spielen zum Beispiel eine Rolle), die Entwicklung und Umstände seines Schreibens, die Analyse von Form, Inhalt und Stil. Viele Briefpassagen – an seine Freundin und Geliebte Louise Colet oder an weitläufigere weibliche Bekanntschaften und sonstige Bewunderer gerichtet – handeln vom Steinbruch seiner Bovary (aber auch von allen anderen Arbeiten, denen er sich widmete wie ein Goldschmied), deren literarische Entstehungsgeschichte beispielhaft für den Beruf des Schriftstellers ist. »Ich werde also mein armseliges, so plattes und ruhiges Leben wieder aufnehmen, in dem die Sätze Abenteuer sind und in dem ich keine anderen Blüten pflücke als Metaphern.« 
(An Madame Schlésinger, Paris, 14. Januar 1857)*

Als »Madame Bovary« 1856 das Licht der Welt erblickt (in der vierzehntäglich erscheinenden ›Revue de Paris‹), wird ihr zunächst der Prozeß wegen »Verstoßes gegen die Moral und die Religion« gemacht, der mit einem Freispruch endet, dank Flauberts eigener origineller Intervention vor Gerichtund der Verteidigung seines Rechtsanwaltes Sénard. Die Farce des Prozesses schildert Flaubert in einem Brief an seinen Bruder Achille (Paris, 31. Januar 1857). Glücklicherweise kann der Siegeszug der Madame Bovary von der französischen Justiz nicht aufgehalten werden. Im Grunde ist es eher die, wenn man so will, herrschende Kulturclique einiger elitärer Snobs, die um den Bestand ihrer moralischen (Ehe-) Gesetze fürchtet. Natürlich spielt auch die Kirche eine Rolle, deren Macht aber zu diesem Zeitpunkt empfindlich geschwächt war. Der eigentliche Dorn im Auge der »Society« war Flauberts gnadenlos ironische Schilderung des traurigen Ehelebens und des – gescheiterten – Ausbruchversuches seiner Protagonistin.

Daher findet sich zu dieser Zeit die größte Zahl seiner Bewunderer im Lager (durchaus gesellschaftlich etablierter und künstlerisch ambitionierter) bürgerlicher Frauen, die sich offensichtlich mit Madame Bovary identifizierten. Eine literaturhistorisch bedeutsame Bemerkung zur Romankonstruktion findet sich in einem Brief an Mademoiselle Leroyer de Chantepie (Paris, 18. März 1857): »Bei einer Leserin wie Sie, gnädige Frau, und einer so sympathischen, ist Offenheit Pflicht. Ich werde also auf Ihre Fragen antworten: Madame Bovary enthält nichts Wahres. Es ist eine vollkommen erfundene Geschichte. Ich habe weder von meinen Gefühlen, noch von meinem Leben etwas hineingebracht. Die Illusion (wenn es eine gibt) kommt im Gegenteil aus der Unpersönlichkeit des Werkes. Es ist eines meiner Prinzipien, daß man sich nicht selbst beschreiben soll. Der Künstler muß in seinem Werk wie Gott in der Schöpfung sein, unsichtbar und allmächtig; man soll ihn überall spüren, ihn aber nirgends sehen.«

Und im nächsten Absatz heißt es unmißverständlich: »Außerdem muß sich die Kunst über die persönlichen Neigungen und nervösen Empfindlichkeiten erheben! Es ist an der Zeit, ihr durch eine unerbittliche Methode die Präzision der physikalischen Wissenschaften zu geben! Die Hauptschwierigkeit bleibt für mich darum nicht minder der Stil, die Form, das undefinierbare Schöne...«

* Die wahre Madame Schlesinger soll Modell gestanden haben für die Rolle der ›Madame Arnoux‹ aus dem Roman »Die Erziehung der Gefühle«.

»Flaubert - Briefe«, Herausgegeben und übersetzt von Helmut Scheffel,
Diogenes Taschenbuch 20386, © 1977