Arno Schmidt 1

Dichter

Aus Anlass des 100. Geburtstages von Arno Schmidt am 18. Januar 2014 wurde der Dokumentarfilm »Mein Herz gehört dem Kopf« auf ARTE gezeigt. Neben Jan Philipp Reemtsma (und anderen Zeitzeugen) wurde auch Hermann Wiedenroth interviewt (Antiquar und Verleger), der nicht nur das Bargfelder Bücherhaus betreibt, sondern auch am Lektorat für den Neusatz von »Zettels Traum« beteiligt war. Nicht nur für Bücher- und Literaturliebhaber ist Bargfeld eine Reise wert.
Hier eine kleine Bilderstrecke zum ›Objekt der Begierde‹ :)
Plus Bilderstrecke »Lara liest in Bargfeld« mit Lara Kaschel aus Hannover

Arno Schmidt – Schwarze Spiegel

»Ich strebe nach etwas Besserem: danach, mir selbst zu gefallen.«
(Flaubert an Maxime du Camp, Croisset, 26. Juli 1852)

Bei einer Literaturfoyer-Sendung (3sat) wurden die Debutromane dreier Autoren vorgestellt. Am Ende der Sendung wurden die Autoren gefragt, ob sie ein Lieblingsbuch nennen können (einfach so, oder eines, von dem sie geprägt wurden). Zwei verneinten, einer wußte es ganz spontan zu benennen: »Der lange Abschied« von Raymond Chandler. Anschließend überlegte ich, ob es ein Lieblingsbuch für mich gibt, oder anders ausgedrückt: ein Buch, das aus einem spezifischen Grund eine größere oder weitgefächerte Bedeutung hat als andere. Also, um mir die Frage selber zu beantworten: Es gibt eine Art Top Ten; wenn es allerdings eine Top Ten gibt, kann man sich mühelos auch weitere Abstufungen vorstellen. Letztlich trifft man eben eine wie auch immer motivierte Auswahl. Bei meiner Lese-Vergangenheit würde ich zwischen rein belletristischen, historischen und wissenschaftlichen Werken unterscheiden.

Was die Belletristik angeht, fiel mir eine Erzählung ein, die einen – literarischen – Code enthält, eine Art Bios, der nicht nur grundlegend für spätere Lektüre und literarische Interessen wurde, sondern im Grunde auch einen Charakter beschreibt, mit dem ich mich schon beim ersten Lesen mühelos identifizieren konnte. Es handelt sich um die Erzählung »Schwarze Spiegel« von Arno Schmidt. Nach einem Atomkrieg (geschrieben wurde die Erzählung in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als das Wettrüsten der USA und Rußland auf der politischen Tagesordnung stand) wandert ein einsamer Überlebender im Norden Deutschlands in trister Landschaftskulisse auf der Suche nach Lebensmitteln und Werkzeugen umher, und setzt sich in längeren Gedankenspielen (eine literarische Eigenart Arno Schmidts, der im übrigen auch eine für meinen Geschmack revolutionär-geniale Prosaform entwickelte, an der sich viele Nachahmer vergeblich versucht haben) mit seiner Situation auseinander; dabei streift er philosophische Themen, Fragen der Weltbevölkerung und amerikanischer Kulturpolitik, und stellt eine ganze Reihe für damalige wie für heutige Verhältnisse ketzerische Überlegungen an, die zu radikalen Erkenntnissen führen.

Der einsame Überlebende trifft schließlich auf eine weibliche Überlebende; beide nähern sich wie Guerilla-Kämpfer im Urwald, voller Mißtrauen, ausgestattet mit den Instinkten eines vollendeten Eigensinns. Es entsteht eine kurze Verliebtheit mit romantischem Intermezzo, die so abrupt endet wie sie begonnen hat. Der weibliche Part verläßt den männlichen Helden, trotz gegenseitiger Sympathie, mit der Begründung, dass sie die Zweisamkeit nicht aushält und der Drang weiterzuziehen größer ist als die Aussicht auf ein harmonisches Glück als Paar. Arno Schmidt ist am Schluß auf eine fast schmerzhaft zu nennende Art konsequent, jedoch seinem Stil und Inhalt absolut treu, als er die zwei Protagonisten wieder trennt und jeden seiner Wege gehen läßt.