miranda 2b2

Miranda

Picknick mit Miranda

Miranda liegt leider auf Eis* :( Ist zu drei Vierteln fertig, aber eben nicht ganz. Bis zur Fertigstellung wird der interessierte Leser demnächst mit Leseproben getröstet ...
* Positiv ausgedrückt hat das den Vorteil, dass sie nicht verdirbt.

Stand: 16. November 2015

»Und da hing ich und war’s mit Grausen bewußt
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der gräßlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.«
(Schillers Taucher)

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Und dann stand Miranda eines nachts wirklich und wahrhaftig in Dehnhardts Zimmer, mit einer Taschenlampe. Er konnte sie riechen. Etwas erdiges, vielleicht feuchter Dreck unter ihren Füßen. Außerdem führte Miranda die Parfumgalerie einer ganzen Kaufhausabteilung unter ihrem Nachthemd mit sich.
»Darf ich mich zu dir legen?« fragte sie.
»Ich kann nicht schlafen.«
Sie legte sich nicht nur zu ihm, sie schmiegte sich an, wie eine Fee, wie im Traum … und leider war es auch ein Traum, denn die Seifenblase platzte. Dehnhardt machte das Licht an und versuchte, das Phantom zu greifen, festzuhalten. Er hatte doch erst vor einer Sekunde Mirandas Nachthemd von ihrem Körper gestreift, sie hatte sich seitlich auf seinen Rumpf gelegt und begonnen, seinen zuckenden Penis in den Mund zu nehmen. Sie lag mit dem Rücken zu ihm, den betäubend gut riechenden Kopf auf seinen Schoß gebeugt; ihre langen Haare bildeten einen Vorhang, der das Geschehen vor seiner Sichtkontrolle abschirmte, einen lichten Halbkreis, in dessen Manege sie ihre orale Beschwörung aufführte.
Dehnhardt atmete heftig, Miranda war fort. Sein Zimmer, in dem er aufgewacht war, ohne Spuren der geplatzten Seifenblase entdecken zu können, bot die vertraute Kulisse.
»Elende Halluzination«, fluchte er. Er meinte aber, einen Satz Mirandas verstanden zu haben, den sie ihm zuletzt zugehaucht hatte, mit einem unendlich traurigen Blick, der ins Jenseits gerichtet war: »Alles passiert zur richtigen Zeit am richtigen Ort.« Er hatte den Satz schon einmal gehört. Erst erschien es ihm logisch, aber als das Echo des Satzes abgeklungen war, kamen Zweifel auf. Er ließ den Satz bis zur vollen Entfaltung auf sich wirken, und die ganze hypnotisch-laszive Aura Mirandas zerfiel; es handelte sich um eine ausgesprochen unattraktive Banalität. Der Satz bedeutete nämlich nichts anderes als: »Es ist, wie es ist, und vor allem: es muss so sein.«
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»Ich rauche jetzt eine Gauloises; das sind die Glimmstengel mit Rückstoß. Wenn du einige Jahre lang ein Päckchen am Tag davon qualmst, kannst du dir irgendwann vom Chirurgen eine Kugel aus der Brust entfernen lassen, Kaliber 9mm. Solch ein Gefühl ist das dann … « – (Carl Dehnhardt, der männliche »Held« im Roman »Picknick mit Miranda«)
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»Dieser Hass auf Reinkirsch* ist mir selber unheimlich«, erzählte Carl. »Sobald er in meiner Vorstellungswelt einmal aufgetaucht ist, dauert es nicht lange, bis mir das Blut zu Kopf steigt, wie bei einer umgedrehten Ketchupflasche, aus der man den letzten Rest des zuckrigen roten Sirups herauspressen will.«
»Was macht ihn denn so böse?«
Carl wiegelte ab.
»Ach was … böse … es ist viel schlimmer! Wenn ich diesen cremefarbenen Anzug vor mir sehe, diesen engen weißen Hemdkragen, aus dem sich der feiste Schädel pellt. Diese falschen Augen, der ganze Habitus, die Körperhaltung, den Oberkörper leicht nach hinten geneigt, damit sich der Bauchansatz vorn deutlicher abzeichnen kann, die eine Spur nach außen gespreizten Füße, mit denen er diesen eigentümlichen Gang absolviert, diese Herrscherattitüde.«
Er hielt inne und holte Luft.
»Ich muss ihn töten, sonst finde ich keine Ruhe.«
(* Reinkirsch, Chef einer wilden Truppe von Finanzmaklern, der Antagonist Dehnhardts)
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»Folgendes …«, resümierte Dehnhardt, »der Kunde ist grundsätzlich ein träger Arsch, der gefickt werden will, kapiert? Du steigst wie ein Boxer in den Ring und weißt, dass du dem Kunden, am besten in einer möglichst frühen Runde, den Knockout verpasst. Dein Vorteil ist: der Kunde weiß nichts davon, dass er sich mit dir in einem Boxring befindet. Alles klar?«
Justine nickte und stammelte verwirrt »Ja…?«
Dehnhardt stieg aus.
(Dehnhardt ist Vertreter, Justine seine Praktikantin, die ihn begleitet.)
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Dehnhardt war vor ein paar Tagen wie immer zum Monatsbesten gekürt worden. Im Schulungsraum stand wieder der große schwarze Ledersessel im Empirestil. Daneben das festlich dekorierte Tischchen mit den geschwungenen Füßen, die aussahen wie Hundepfoten. Die obligatorische Zigarrenschachtel und die Champagnerflasche waren schon geöffnet. Reinkirsch führte die Meute mit wuchtigem Schritt an. Irischer Rotschopf mit winzigen Schweineäuglein, fleischige Hände mit Wurstfingern. Seine schweren Lackschuhe trampelten die letzten Unebenheiten des Estrichs nieder. Sekretärin Hildegard Mankoviak widmete sich hingebungsvoll der Aufgabe, dem »Verkäufer des Monats« mit kirschrot lackierten Fingernägeln das langstielige Glas zu füllen. Die obersten zwei Knöpfe ihrer Seidenbluse waren geöffnet; verstohlene Blicke einer männlichen Dreiergruppe erspähte das dezent blumig duftende Fleischtal ihrer voluminösen Brüste, die in D-Cups schlummerten, hinter filigran geklöppelten Spitzen. Mankoviaks knielanger schwarzer Rock spannte sich um ihre Schenkel und das pralle Gesäß. Dunkelbraune Pumps mit kleinen silbernen Schnallen vollendeten das Bild. Dreimal hintereinander, mit Umsätzen zwischen zwanzig- und vierzigtausend Euro, hatte Dehnhardt die Messlatte seiner Vorgänger höher gelegt. Er setzte sich wie ein braver Schuljunge auf sein Siegerkissen, das Welting vorher noch schnell auf den Sessel drapierte. Nicht ohne symbolisch Staub gewischt zu haben. Während die elende Champions-Hymne aus billigen Plastikboxen dröhnte, fühlte sich Dehnhardt einsam und verlassen. Er musste an Stratos und die Tropicana Bar denken, an Molivos auf Lesbos. Wie gerne säße er jetzt unter der sechshundert Jahre alten Platane mitten auf dem Marktplatz von Molivos, an einem Tisch der illuminierten Tropicana Bar. Stattdessen blinzelte er in das Verhörlicht der Deckenneonröhren. Betrachtete die bescheuerten Wäscheleinen, die längs durch den Raum gespannt waren. Ein-Dollar-Noten hingen daran, zum Abzupfen, als Belohnung für erfolgreiche telefonische Terminvereinbarungen mit Neukunden.
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»Ohne ihn eines Blickes zu würdigen«, da war er wieder, dieser rhetorische Sirup, diese Syntax von Beamtenseelen, die zuviel Zeit zum Denken und folglich auch zum Formulieren von Sätzen haben; diese Grammatik aus Legobausteinen, dieser blasierte Sprachmörtel für Betonköpfe.
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Er wartete, bis die ganze Seichtigkeit des Seins mit dem leisen, fast zärtlichen Rauschen der Wellen vollständig in ihn eingedrungen war und legte sich auf den Rücken. Er schloss die Augen und registrierte je nach Druck der Augenlider eine unterschiedlich dichte Schwärze mit winzigen Lichtblitzen und konzentrisch pulsierenden Auren. Wind und Meer, Meer und Wind, er und Miranda, Miranda und er. Das Leben war schön. Seine Haut brannte, er sah den Niveaball mit geschlossenen Augen. Er tanzte, leicht wie eine Feder, machte vornehme Hüpfer, lies sich hierhin blasen, dorthin streicheln, verwandelte sich in einen blauen Mond. Er fühlte eine blaue Sehnsucht in sich aufsteigen wie einen Ballon. Und dann kam Reinkirsch in den Raum, knallte die Tür zu, riss die Fenster auf und brüllte ihn an.
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Die Kunst des Selbstbetrugs will gepflegt sein, du kannst nicht einfach die Augen schließen, dir deine Frau, den Nachbarn, deine beschissene Kommune schön saufen. Die Weltjauche schwappt zurück, dir ins Gesicht, sobald du deine Wehwehchen ausspuckst. Sei doch froh, dass du so ein unverdächtiges Nichts bist, sei doch froh, dass in deinem Kopf nichts anderes vorherrscht als das Rauschen einer voll daneben eingestellten Frequenz, denn sobald du klar denken würdest, hätten sie dich am Wickel. Guantanamo ist überall, zumindest die Metapher davon. Schau dich um, in deinem Großraumbüro. Deine Folterer tragen Lachmasken, das sind Spaßprofis, die wissen, was man Freitag abends macht. Heul doch. Das geht vorbei.