kane

Alles Gute, Ben Kane

Aus dem Klappentext:
Die blaue Bertha glaubt an die Magie der Tinte und ist Meisterin in der Disziplin »Löcher-in-die-Luft-gucken«; im Bürocontainer der Postzensur an der Grenzstation zu Arnheim wird das Schicksal von Arne Behnken besiegelt. Der Autor trainiert für ›Olympia‹; ein Zauberwürfel verursacht eine Art ›Schicksalslotterie‹. Ein komischer Kauz namens ›Greiff‹ leidet unter einer monotonen Sammelleidenschaft, der Tod geht mit seiner Tochter Jasmin auf Tour … und und und.
Format 13x19cm, Softcover, 178 Seiten – Titelei und Inhaltsverzeichnis hier als PDF

Die Geschichten enthüllen etwas, das hinter trivial scheinenden Beobachtungen steckt. Es ist dabei offensichtlich interessanter, was sich in den Köpfen der Protagonisten abspielt, als in der Kulisse oder Szenerie. Das eigentlich Spannende sind nicht die Geschehnisse, sondern die Eigenarten der Figuren. Wie in »Giulia und das Erdbeben in Sondrio« (Short Stories, 2012) verbindet sich das Banale mit dem Phantastischen von selbst. Der Autor folgt dabei einem Automatismus, dem ein elementares Prinzip zugrunde liegt: Wahrgenommenes so präzise wie möglich zu artikulieren; im Rahmen seiner Lebensbedingungen.

Es soll nicht kaschiert werden, dass es sich bei einigen narrativen Mustern um sogenannte »wahre Begebenheiten« handelt, die in einem bestimmten Mischungsverhältnis von ergänzender ›Dichtung‹ und ›modifizierter Wahrheit‹ verarbeitet werden – die Rezeptur bleibt legitimerweise geheim. Wenn der Autor dann seinen Erzählton geschickt vereinheitlicht, ist das Erfundene nicht mehr vom Autobiografischen zu unterscheiden; und umgekehrt. Insofern bekommt die ›Dichtung‹ sozusagen eine allgemeine Daseinsberechtigung, da sie im Grunde viel ›Wahres‹ enthält, beziehungsweise von ›Wahrheit‹ kaum noch zu unterscheiden ist. Selbst Biografien sind nur dann mit Genuss lesbar, wenn die in ihr verarbeiteten ›wahren Begebenheiten‹ mit erzähltechnischen Kunstgriffen verknüpft sind. Ähnliches gilt ja explizit für das spezielle Genre des ›historischen‹ Romans: hier ist die Arbeitsweise des Literaten augenfällig. Er fügt wie bei einer (altmodischen) Overhead-Projektion dem realen Kolorit der Basisfolie seine selbstentwickelten fiktionalen Überlagerungen hinzu. Beim gewährten Einblick in seine Werkstatt kokettiert der Autor übrigens nicht mit seiner Eitelkeit, sondern gibt dem Leser eine praktische Hilfe an die Hand, die Geschichten an den Nahtstellen der erzählerischen Produktion (des Banalen und Phantastischen) möglicherweise leichter entzerren zu können; sofern er überhaupt das Bedürfnis hat.

Die ›Perspektive des Lesers‹ verhält sich entsprechend: Wenn er sich auf einen Kinofilm eingelassen hat und die eigenständige ›Wirklichkeit‹ des Gesehenen anstandslos akzeptiert (ein Film funktioniert nur, wenn der Zuschauer die kritische Distanz aufgibt und die emotionale Bereitschaft mitbringt, Freud und Leid der Helden zu teilen – mit allen dramatischen Folgen, die sich aus der Konstellation ergeben –, während er den technischen Aspekt der Inszenierung reibungslos ausblendet), lässt ihn die Notiz beim Abspann des Films, dass die Geschichte frei erfunden ist und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig wären, völlig kalt. Sowohl der Film als auch der Zuschauer haben schließlich so getan ›als ob‹: die Fiktion verbindet beide Seiten.